bochum macht spaß
Fotos: Daniel Sadrowski
Fotos: Daniel Sadrowski

Text: David Wienand

Fotos: Daniel Sadrowski

ANGELA OBST | DIE LETZTE SPIELZEIT DER CHEFDRAMATURGIN

Zusammen mit dem Intendanten des Bochumer Schauspielhauses, Johan Simons, wird im nächsten Jahr, also zum Ende der Spielzeit 2026/2027, auch die stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin des Schauspielhauses an der Bochumer Königsallee die Spielstätte verlassen. Wohin es sie dann zieht, ist noch ungewiss, denn: „Das Schauspielhaus Bochum war ein sehr prägender Ort für mich, da hängt die Messlatte natürlich hoch. Gleichzeitig bin ich Mutter eines Teenagers, es geht also nicht nur um meine Zukunft.“. Zuvor bittet Bochum macht Spaß Angela Obst jedoch zu einem letzten Gespräch über das neue Programm, ihre Erfahrungen in und mit Bochum und das Abschiednehmen vom Schauspielhaus.

Frau Obst, es war Ihnen und Herrn Simons bei der Vorstellung des neuen Spielplanes für die Theatersaison 2026/2027 deutlich anzumerken, dass Ihre gemeinsame, letzte Spielzeit am Schauspielhaus in Bochum für Sie beide von besonderer, auch emotionaler Bedeutung ist. Als Sie bei der Vorstellung des Spielplans auf der Bühne der Kammerspiele standen: Was ging in Ihnen vor?
Das war natürlich ein emotional sehr komplexer Abend. Es lag so eine kostbare Grundspannung über allem: Zum letzten Mal finden wir uns alle für dieses Format zusammen. Wir waren auch aufgeregt: Wird das Publikum unsere künstlerischen Pläne genauso interessant und wesentlich finden wie wir? Und dann habe ich schnell eine positive Energie im Zuschauerraum gespürt, voller Offenheit, Zugewandtheit. Das hat den Abend dann sehr leicht, beschwingt gemacht. Ich erinnere mich daran, dass Johan meine Hand genommen hat, als wir am Ende der Veranstaltung von der Bühne gingen; das war ganz spontan und hat mich sehr berührt.

Inwiefern hat sich das auf die Auswahl der Stücke und sonstigen geplanten Theateraktivitäten ausgewirkt?
Mir hat mal ein Intendant eines anderen Theaters gesagt: Ach, bei der letzten Spielzeit muss man nicht mehr so viel Programm planen, da lässt sich ja kein Blumentopf mehr gewinnen. Ich sehe es anders: Als Künstler*innen sehen wir uns in diesen politisch aufgeladenen Zeiten in großer Verantwortung. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob es um die Gestaltung einer ersten oder einer letzten Spielzeit geht. Solange wir Räume für Kunst zur Verfügung haben, nutzen wir sie. Wir wollten keine sentimentale Abschiedsspielzeit zeigen, sondern eher den Aufbruch, die Zeitenwende, Möglichkeiten von Zukunft in den Fokus stellen: mit einigen jüngeren Künstler*innen, die wir neu in Bochum vorstellen wollen. Mit Stoffen wie beispielsweise Burgess´ »Clockwork Orange« über eine junge, gewaltbereite Generation oder auch George Taboris Farce »Mein Kampf«, in der Hitler noch ein arbeitsloser, untalentierter Künstler ist – zwei Texte, die mir in der nächsten Spielzeit sehr wichtig sind. Nicht zuletzt verabschieden wir uns aus Bochum mit einer Kollaboration mit dem Centre for the Less Good Idea, einem großartigen Künstler*innenhaus in Johannesburg. Damit richten wir den Blick ins Globale und feiern das Miteinander, den Austausch, die Synergien.

Manifestiert sich der Abschied aus Bochum in einem der Stücke der nächsten Theatersaison auf ganz besondere Weise?
Sicherlich in der letzten Inszenierung von Johan Simons für Bochum, die am 30. April 2027 Premiere haben wird. Wir haben uns für Shakespeares letztes Stück »Der Sturm« entschieden, in dem es ebenfalls um Abschiede und Aufbrüche geht, um alte Wunden, um die Verteilung von Macht. Johan Simons wird nicht allein inszenieren, wir haben zwei Regisseurinnen, Leila Hekmat und Sarah Elisabeth Braun, eingeladen, zwei Teile des Abends zu erarbeiten. Der Autor und Schauspieler Lamin Leroy Gibba wird einen zusätzlichen Text für diesen Abend schreiben. Das Ganze wird ein mehrstündiger Abend, der sowohl auf der großen als auch auf der Kammerspielbühne stattfindet. Und unser ganzes Ensemble macht mit!

Abgesehen davon: Welche der kommenden Aufführungen würden Sie in Bochum auf jeden Fall besuchen wollen, wenn Sie nicht Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin des Schauspielhauses Bochum, sondern „nur“ eine am Theater interessierte Person wären?
Wenn ich wählen müsste, würde ich spontan sagen: Ich sehe mir »Bochum sehen und sterben« an, einen Theaterkrimi mit ganz vielen Leuten aus Bochum. Der wird von dem Ruhrgebietskind, Canberk Köktürk, für uns geschrieben und von dem niederländischen Kollektiv Wunderbaum inszeniert. Außerdem würde ich auf keinen Fall das Festival »The Future Is Ours!« im Mai verpassen. Da gibt es viele verschiedene künstlerische Projekte, Theater, Musik und Performances zu sehen, die unsere Bochumer Spieler*innen gemeinsam mit den Künstler*innen vom Centre for the Less Good Idea entwickelt haben. Der große südafrikanische Künstler William Kentridge, der das Centre vor zehn Jahren gegründet hat, wird auch da sein und zweimal seine legendäre Performance „A Defence Of The Less Good Idea“ zeigen! Und ich gehe in alle neuen Stücke des Jungen Schauspielhauses, weil Theater für Kinder einfach glücklich macht. Sollte ich kein eigenes Kind haben, leihe ich mir eines aus.

Was wird ganz bestimmt in guter Erinnerung bleiben, wenn Sie sich nach der nächsten Spielzeit aus Bochum verabschieden?
Es gibt einen Ort hier im Haus, den ich sehr liebe. Das ist die Terrasse im Innenhof, auf der wir uns oft treffen. Hier haben wir Krisen durchgestanden und uns Toi Toi Toi gewünscht, die jeweils letzte Vorstellung reflektiert, Premieren gefeiert und neue Ideen ausgeheckt. Hier diskutieren die Souffleuse und der Übertitler noch mal, wie genau die gerade geprobte Szene zu verstehen ist. Hier wirft mir ein Techniker zu, welches Buch ich unbedingt lesen muss. Hier werden Babysitter organisiert, Ärzte empfohlen und die Tagespolitik ausgewertet. Hier kam für mich immer alles zusammen: Unser großartiges Ensemble, das einander so zugewandt und ich glaube auch unserem Publikum sehr ans Herz gewachsen ist. Die vielen Kolleg*innen des ganzen Hauses, alle mit so verschiedenen Expertisen, die in jeden einzelnen Theaterabend einfließen. Und selbst das Publikum, das uns oft ehrliches und liebevolles Feedback gegeben hat.

Mit Johan Simons verbindet Sie eine intensive Zusammenarbeit in den zurückliegenden Jahren in Bochum. Was war für Sie das Besondere an der Zusammenarbeit?
Ich hatte schnell den Eindruck, dass wir einander verstehen, inspirieren, herausfordern. Uns verbindet die Neugier, bei einem Stoff immer tiefer zu graben und freizulegen, was sich verbirgt. Wir sind da beide ziemlich ausdauernd. Johan hat mir früh großes künstlerisches Vertrauen entgegengebracht. Wann immer ich bei künstlerischen Entscheidungen zwischen Möglichkeiten schwanke, bestärkt er mich darin, das größere Risiko zu wählen – das empfand ich immer als Geschenk.

Was nehmen Sie aus der Stadt Bochum mit an den Ort Ihrer nächsten Tätigkeit?
Ich war noch keine vier Wochen in der Stadt, da hat mir ein fremder Mann mit Anzug und Aktentasche den Roller meines gerade gestürzten Kindes nach Hause getragen. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, weil es so ein bestechendes Bild war für die unaufgeregte Nahbarkeit und Nachbarschaft, die selbstverständliche Solidarität, die ich in Bochum ganz besonders finde. Diese sozialen Skills sind der lebensnotwendige Kitt der Gesellschaft, den wir in den nächsten Jahren mehr denn je brauchen werden. Da ist Bochum schon mal gut für die Zukunft gewappnet.