bochum macht spaß
Foto: VfL Bochum

TRINKHALLENKULTUR

Text: David Wienand
Fotos: VfL Bochum

DR. HENRY WAHLIG | MIT WISSENSCHAFT UND LEIDENSCHAFT FÜR DEN VfL

Einige namhafte Protagonisten des VfL Bochum 1848 – zuletzt etwa den Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Villis – haben wir in diesem Magazin bereits ausführlich zu Wort kommen lassen. Nun ist ein Mann an der Reihe, den die Fan-Liebe nach Bochum und zum Verein gebracht hat, und der dann auch durch seine Tätigkeit als Sporthistoriker tiefer in den Club von der Castroper Straße und dessen besondere Geschichte eingetaucht ist. Die Rede ist von Dr. Henry Wahlig, der im Gespräch mit David Wienand natürlich auch dazu befragt wird, wie er die Chancen des VfL in dieser Saison in der 1. Liga einschätzt.

Herr Dr. Wahlig, was darf man sich unter Ihrer alltäglichen Arbeit als Sporthistoriker vorstellen?
Ich habe Geschichte studiert und in diesem Bereich später auch promoviert. Der Sport hat mich als Untersuchungsgegenstand historischer Forschungen schon immer besonders fasziniert. Und das nicht nur, weil ich selbst Sportfan bin, sondern vor allem weil sich im Sport alle großen gesellschaftlichen Konflikte des 20. Jahrhunderts wie unter einem Brennglas widerspiegeln. Wir können also durch die Untersuchung des Sports viel über unsere Gesellschaft insgesamt verstehen lernen.

Was hat Sie von Kanada, wo Sie geboren worden sind, über Münster, wo Sie zur Schule gingen, Dortmund, wo Sie eine Ausbildung absolvierten, und Düsseldorf, wo Sie studierten, nach Bochum verschlagen? War etwa der VfL Bochum 1848 mit seiner spannenden Geschichte der Grund dafür?
Nach Bochum bin ich tatsächlich primär über den VfL gekommen. Ich durfte zehn Jahre lang, parallel zu Ausbildung und Studium, in der Presseabteilung des Vereins mitarbeiten, das hat Nähe zum Verein geschaffen.

Hat sich Ihre Fan-Liebe zum VfL Bochum aus der Beschäftigung mit den geschichtlichen Hintergründen des Vereins heraus entwickelt?
Nein, das war eher umgekehrt. Ich war schon seit meiner Kindheit Fan des VfL, wohl auch, weil mich die Werte dieses Vereins instinktiv besonders angesprochen haben. Spätestens als ich dann auch für den Klub arbeiten durfte, hat mich parallel zum Studium auch die Geschichte dieses Vereins immer mehr interessiert.

Was ist für Sie das Spannendste an der Geschichte des Vereins von der Castroper Straße?
Oh, wo sollen wir da anfangen?! Es gäbe so viel zu sagen. Vielleicht an dieser Stelle nur das: In 175 Jahren VfL spiegeln sich auch alle Höhen und Tiefen der Bochumer Stadtgeschichte. Das, was ich eben insgesamt über den Sport als Spiegel der Gesellschaft gesagt habe, können wir ebenso auf die lokale Ebene übertragen: Um Bochum und seine Geschichte zu verstehen, lohnt es sich unbedingt, sich genauer mit dem VfL auseinanderzusetzen.

Zum 175. Vereinsjubiläum ist erst kürzlich und in Ihrem Beisein im Bochumer Stadtarchiv eine Ausstellung eröffnet worden, die noch bis Anfang März 2024 dort zu sehen sein wird. Worin bestand konkret ihre Mitwirkung an der Ausstellung?
Ich arbeite seit 2015 hauptberuflich im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund und bin über diesen Job sehr gut mit allen Klubmuseen vernetzt. Selbst Vereine wie z. B. Bielefeld, Nürnberg oder St. Pauli, die sportlich deutlich hinter uns stehen, haben mittlerweile eigene Museen. Mich hat es immer gewurmt, dass sich ein Verein mit so großer Geschichte wie der VfL lange Zeit so wenig für seine Tradition interessiert hat. Deshalb soll diese Ausstellung nun auch den Ausgangspunkt für ein eigenes VfL-Museum bilden, das eines nicht allzu fernen Tages eröffnet werden wird. Die Unterstützung des VfL dafür ist mittlerweile da, es hängt nun primär vor allem von geeigneten Räumlichkeiten rund um das Stadion ab.

Waren Sie selbst überrascht, welche Exponate z. T. von Fans, ich denke etwa an die großartige Trikot-Sammlung, nun dort zu sehen sind?
Absolut. Wir haben viele großartige Schätze erhalten. Es hat auch mich überrascht, was die Bochumer alles vom VfL gesammelt haben. Das reicht von der unglaublichen Trikotsammlung oder einer Sammlung aller Fanschals bis hin zu Skurrilitäten wie VfL-Gartenzwergen oder Vereinsliedern. Mir hat das noch einmal gezeigt, wie umfassend die Bochumer ihren VfL wirklich lieben. All diese Sachen sind jetzt auch in der Ausstellung zu sehen bzw. zu hören.

In den letzten Jahren hat sich der Frauenfußball auch beim VfL Bochum sehr stark entwickelt. Und zuletzt berichteten wir in unserem Magazin über die eSports- und die Walkin- Football-Mannschaften des VfL. Sind das ebenfalls Themen, mit denen Sie sich als Sporthistoriker beschäftigen?
Natürlich, es geht uns darum, den Verein in seiner ganzen Breite widerzuspiegeln. Gerade das macht den VfL, sowohl historisch als auch im Hier und Jetzt, meines Erachtens so besonders: Er spiegelt jede Facette des Bochumer Stadtlebens wider. Ganz egal, ob arm oder reich, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau – zum VfL bekennen sich in dieser Stadt einfach alle Menschen. Es gibt heutzutage nicht mehr viele Dinge, die die Allgemeinheit so zusammenführen.

Als ein Mensch, der zumeist an den Rollstuhl gefesselt ist, die Frage, ob Sie auch über den Sport und die Sportmöglichkeiten und -bedingungen forschen, die behinderte Menschen ausüben und betreffen?
Erst einmal muss ich gestehen, dass ich dieses Bild von der „Fessel Rollstuhl“ überhaupt nicht mag. Während meiner „Walking Challenge“ bin ich im Sommer 2020 aus meinem Rollstuhl aufgestanden und an 14 Tagen insgesamt über 25 Kilometer – wenn auch seeeehr langsam – rund um das Ruhrstadion gegangen. Damit wollte ich zeigen, dass man auch als Behinderter weiterhin große körperliche Anstrengungen bewältigen kann. Wir haben damals fast 25.000 € Spenden zur Erforschung meiner immer noch unheilbaren Erkrankung gesammelt. Mehr dazu auf der Seite unserer Stiftung hsp-info.de. Gerade hier freue ich mich weiterhin über jede Unterstützung!

Welches ist Ihr aktuelles Forschungsprojekt und was können Sie uns kurz darüber erzählen?
Im Zuge der Ausstellung haben wir uns noch einmal intensiver mit dem Jahr 1848 auseinandergesetzt. Der erste Anführer des damals gegründeten Turnvereins Bochum, Philipp Anschel, war Jude und der ganze Klub egalitär und demokratisch ausgerichtet. Deshalb wurde der Verein überwacht und zwischenzeitlich sogar verboten. Mir ist es ein Anliegen, dass wir uns im VfL heute noch einmal stärker mit diesen vergessenen Wurzeln auseinandersetzen. Es ist doch toll, dass die 1848, die wir stolz in unserem Wappen tragen, schon seit ihren Anfängen genau mit solchen Werten gefüllt ist, die wir im Verein bis heute hochhalten.

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